Warum Imago?
Meine Motive und mein Beitrag zur Gründung des Vereins Imago historische Bildwissenschaft e.V.
veröffentlicht am 27. Februar 2026
Als ich 1985 begann Kunstgeschichte zu studieren waren viele technische Errungenschaften, die den heutigen Generationen selbstverständlich erscheinen, reine Fantasien. Ich erinnere mich noch genau an die Diathek im Kunstgeschichtlichen Seminar Hamburg, in der in deckenhohen Regalen Dias in kleinen grünen Klappkisten gesammelt wurden. Jedes einzelne Dia war von Hand auf einem winzigen Etikett beschriftet und es galt als Kunstfertigkeit wenn man als studentische Hilfskraft genannt „Diabeschrifter“ in der Lage war mit einem Zeichenstift 4 oder sogar 5 Zeilen auf ein einzelnes Etikett zu gravieren. Diese Dias, fotografische Abbilder von Gemälden, Architekturen, Plastiken oder anderen Kunstgegenständen, waren teilweise schon Jahrzehnte alt. Das stellte auch gar kein Problem dar, denn die Gemälde oder die Architekturen oder was auch immer auf den Fotografien abgebildet war, verändert sich ja in der Regel auch nicht mehr. Der Umgang mit Bildern in der Kunstgeschichte in Forschung und Lehre, basierte teilweise auf der Reproduktion der Objekte über die man sprechen und forschen wollte. Die Produktion einer Fotografie bis hin zur Verschlagwortung Sortierung und Beschriftung des Dias in der Kunstgeschichte konnte Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Diese Erfahrung einer Langsamkeit der Bilder und ihrer Reproduktionen bildet für mich die Grundlage meines Verständnisses der Kunstgeschichte und des Umgangs mit Bildern.
Als ich mich im Zuge in meiner Promotion in den 90er Jahren mit der Frage der Entstehung des digitalen Bildes beschäftigte, wurde mir klar dass die Kunstgeschichte in meiner Zukunft mit zwei gänzlich unterschiedlichen Fragestellungen umgehen musste. Zum einen mit dem Problem von Bild und Abbild, die Walter Benjamin herausragend gestellt hatte, und die damals schon den Wahrheitsgehalt des Bildes bis auf den Grund beleuchten wollte, zum anderen was die technische Produktion von Bildern am und im Computer in der Wahrnehmung des Bildes in einer historischen und in einer humanistischen Dimension verändern würde.
Horst Bredekamps lebenslanges forschendes Bemühen der Erweiterung historischen Bildwissenschaften um die Dimension, der durch die neuen Technologien erzeugten Bilder, hat diesen gedanklichen Horizont wesentlich erweitert.
In meiner beruflichen Karriere, die ich nach meiner Promotion teilweise in den Bereich der Wirtschaft verlegt habe, wurde mir unmissverständlich klar, dass der Computer alle Bereiche des Lebens fundamental verändern würde. In den Zweitausender Jahren beschäftigte ich mich vornehmlich mit Software, deren Wirkungsweise sich hinter grafischen Benutzeroberflächen verbarg. Das Bild wandelte sich vor meinen Augen von einem statischen unveränderlichen Objekt der Abbildung in ein fließendes auf die Erwartungen und die Handlungen des Benutzers reagierendes System. Heute umgeben uns tagtäglich Millionen unterschiedlicher Benutzeroberflächen in Form von Programmen (genannt Apps) auf unterschiedlichsten Endgeräten, mit denen wir andauernd interagieren. Dies hat sogar Einzug in eine Begrifflichkeit gehalten, die uns genau diese Benutzeroberflächen auch noch kommunizieren, indem sie uns darüber informieren wieviel Bildschirmzeit wir heute gestern in der letzten Woche im letzten Monat oder im letzten Jahr mit Ihnen verbracht haben. Man kann diese Bildschirmzeit auch als einen Teil der Zeit betrachten, die wir in der Virtualität verbringen.
Was mich damals schon und heute umso mehr beschäftigt ist der Gedanke, dass das Ausmaß und die Geschwindigkeit mit der wir uns selbst zunehmend mit Bildern umgeben und über die von uns selbst genutzten Benutzeroberflächen mit weiteren Bildern versorgen, erfordert, dass wir verstehen müssen was diese Bilder bedeuten.. Horst Bredekamps Lehre der historischen Bildwissenschaften ermöglichen uns ein durch die Geschichte induzierten Zugang zu dieser in der Gegenwart explodierenden Bildwelt.
Die Idee einer Stiftung im Sinne der Lehren und der Forschung von Horst Bredekamp wurde in dem Augenblick geboren, als die Bilder vom Attentatsversuch gegen Donald Trump in Echtzeit über die Benutzeroberflächen rauschten. Dieses Bild, eine wohl zufällige Fotografie, vereinten gleichzeitig alle Aspekte des digitalen -es wurde vermutet das Bild sei digital erzeugt worden weil es zu perfekt erschien – und einer historischen Dimensionen in Form einer über Jahrhunderte tradierten Bildkompositionen ins sich. Die Bedeutung und tiefe Wirkung eines solchen Bildes wird erst durch seine historische Dimension greifbar, auch wenn es zunächst vollständig im Jetzt verankert zu sein scheint.
Die Idee dieser Stiftung ist die Förderung einer in die Zukunft weisende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bilderflut der Gegenwart im Sinne der historischen Bildwissenschaften basierend auf der Lehre und Forschung von Prof. Horst Bredekamp. Sie wird ihren Beitrag dazu leisten eben jene Bildproduktion der tausend Benutzeroberflächen zu analysieren, zu diskutieren und letztlich in einer Weise einzuordnen, die uns ein echtes und nachhaltiges Verständnis unserer Gegenwart im Spiegel der Kunstgeschichte zu ermöglichen.
Der Erste Schritt zur Stiftung ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins mit den gleichen Zwecken, um eine kritische Masse an tätigen Mitgliedern zu generieren, um den Sinn der Stiftung Realität werden zu lassen.
In einem gemeinsamen Dokument haben wir, Prof. Horst Bredekamp, Yasuhiro Sakamoto und ich die Gedanken zum Thema zusammengefasst und als Gründungsmanifest veröffentlicht.
Dr. Andre Reifenrath
Hamburg im November 2025